Seinen Klavierabend bei den Schwetzinger Festspielen eröffnete der amerikanisch-kubanische Pianist Jorge Bolet mit einem bis heute im Konzertsaal sehr selten beachteten Werk: mit dem ersten von sechs Präludien und Fugen op. 35 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dies zu sagen ist wichtig im Hinblick auf Jorge Bolets individuelle, in manchen Fällen durchaus mutige Repertoire-Entscheidungen.
Dieses e-Moll-Präludium zeigt auf engstem Raum wichtige Charakteristika des Pianisten Bolet, genauer: eines nicht nur Klavier spielenden, vielmehr das Klavier erhitzenden und umsichtig besänftigenden Interpreten. Es handelt sich um das Feuer des Wollens und des Könnens ganz im Sinne traditioneller, aber doch zeitlos faszinierender Virtuosität, untermauert und gefestigt durch den Tonfall und die Gestik einer noblen Gelassenheit.
Auch Mendelssohns elegantes, duftiges Rondo capriccioso mit seiner nachdenklichen, wunderschön
sentimentalen Einleitung zeigt Bolets Wollen und Können, einer an sich leichtlebigen musikalischen
Vorgabe, mit Geschmeidigkeit, ohne jede Affektiertheit und fingertechnische Eitelkeit, pulsierend und farbenreich Bedeutung zu verleihen.
Beethoven – hier die Appassionata – übermittelte Bolet wie ein Partitur-Treuhänder. Mit Respekt hütete er sich, etwa im rasanten Finale und schon gar in der noch rasanteren Quasi-Stretta, den Liszt-Verbündeten durchklingen zu lassen.
Bolets Schwetzinger Wiedergabe von Franz Liszts manuell und physisch äußerst anspruchsvollen, nur von wenigen Virtuosen wirklich zu bewältigenden Norma- Reminiszenzen zeigen eine Mischung aus kraftvoller Unerschütterlichkeit in den pompösen Passagen und eine edle, zuweilen geradezu keusche Zeichnung der für Bellinis Opern-Arioso so typisch weiten melodischen Bögen.